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Tipp des Tages

Zwänge

Tisch abräumen, Tassen rechts unten in den Schrank, Teller links oben, die Einkaufsliste eingesteckt, Herd, Kaffeemaschine, Bügeleisen, Fenster kontrolliert und los geht’s .... Hier ist eine ordentliche Hausfrau am Werk, sollte man meinen. Doch die Normalität stößt an ihre Grenzen, wenn die betroffene Person zehnmal die Tassen an ihren Platz rückt und 50-mal nachschaut, ob die elektrischen Geräte ausgeschaltet und Fenster geschlossen sind, – und erst nach mehreren Stunden Überprüfung soweit ist, das Haus zu verlassen: Sie leidet unter Zwängen.

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An die zwei Millionen Menschen in Deutschland (die Dunkelziffer ist sehr hoch) sind von solchen „Zwangserkrankungen“ betroffen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Zwangshandlungen und -gedanken.




Zwangshandlungen

Zu den Zwangshandlungen gehört das oben genannte x-malige Kontrollieren und Ordnen. Auch stundenlanges Händewaschen nach jedem Händeschütteln oder penibelstes Putzen der Wohnung, sobald jemand mit Straßenschuhen hindurchgegangen ist, sind Zwangshandlungen. Eine Betroffene berichtete, dass sie immerzu bis 400 zählt und nur, wenn sie bei einer durch vier teilbaren Zahl angelangt ist, kann sie beispielsweise die Toilettenspülung betätigen oder den Kühlschrank öffnen, aber das auch nur, wenn sie zuvor mit dem Kopf eine ruckartige Bewegung nach hinten gemacht hat. Diese Zwangshandlungen haben den Anschein von Ritualen. Ebenso wie man in manchen Religionen die Götter milde stimmen will, indem man – wie auf Bali – morgens kleine Reisblätterschälchen mit Früchten auf die Straße stellt, so sollen die zwanghaften Rituale dazu dienen, sich selbst oder andere vor einer Bedrohung zu schützen. Paradox ist dabei, dass die Betroffenen vom Kopf her durchaus wissen, dass sie den Herd ausgeschaltet haben, und sie dies trotzdem aus einem Gefühlsimpuls heraus wieder und wieder nachkontrollieren müssen. Ansonsten wären sie so beunruhigt, dass sie vor lauter Ängsten und Sorgen nichts anders machen können. Das selbstverordnete Ritual ist also wie eine Falle, aus der die Betroffenen nicht von alleine herauskommen.

Zwangsgedanken

Zwangsgedanken können ebenso lebensbestimmend sein, allerdings sieht man sie nicht von außen. Eine junge Mutter erzählte mir, dass sie von dem Gedanken besessen sei, sie könne ihr Kind aus Versehen den Balkon herunterschmeißen. Eine andere Frau besitzt die zwanghafte Vorstellung, ihrem Gegenüber, wer auch immer es ist, die Tasse Kaffee, das Glas Wasser oder Wein oder den Teller Suppe über den Kopf zu schütten. Auch die Angst vor Ansteckung mit Krankheiten, Zweifel an eigenen Handlungen, sexuelle Vorstellungen sowie extremes Grübeln vor und nach Handlungen gehört zu den Zwangsgedanken.

Oft unerkannt

Wer unter einer Zwangserkrankung leidet, verliert schleichend immer mehr die Kontrolle über seine Gedanken und Gefühle. Über die generalisierte Angst, die zu den Zwangsgedanken gehört, weiß man, dass die Betroffenen bis zu 60 Prozent eines Tages damit verbringen, sich schlimme Situationen auszumalen und sich damit zu quälen. Die anderen Zwangserkrankungen sind ebenfalls sehr zeitaufwändig. Wer morgens zwei Stunden braucht, um seine Aufstehrituale durchzuführen, und abends wieder zwei Stunden für die Zubettgehrituale benötigt, hat pro Tag vier Stunden weniger für die Arbeit, die Familie und die Freizeit zur Verfügung.

Und obwohl sich diese psychische Störung als vielfältig und zeitaufwändig zeigt, bleibt sie dennoch oft unerkannt. Denn viele Zwänge werden von außen beobachtet als Übereifer oder Macke belächelt. Die Betroffenen selbst hingegen vertuschen ihre Probleme und leben oft in Isolation aus Furcht, als verrückt zu gelten. Versuchen sie, dem Zwang zu widerstehen, werden Angst und Anspannung so groß, dass sie schnell wieder auf die zwanghaften Rituale zurückgreifen. Sie können einfach nicht anders.

Ursachen

Die Ursachen der Krankheit sind noch nicht ganz erforscht. Wahrscheinlich lassen ein unglückliches Zusammenspiel aus genetischen, psychologischen, biologischen und biografischen Verflechtungen die Störung entstehen. So können z. B. eine überbehütete Kindheit und die familiäre Veranlagung zu Depressionen gepaart mit dem Gefühl des ständigen Überfordertseins möglicherweise in späteren Jahren die Zwangserkrankung auslösen. Aber auch wenn Kinder zu wenig Liebe erfahren haben und ein krisenhaftes Ereignis wie Arbeitslosigkeit oder der Verlust eines Familienmitglieds auftreten, kann das einen Wasch- oder Kontrollzwang nach sich ziehen. Organisch ist das Leiden, so schätzen Ärzte, mit einem Ungleichgewicht von Nervenbotenstoffen (speziell Serotonin) verbunden.

Therapie

Die Therapie besteht meist in einer Kombination von Medikamenten und Psychotherapie. Aber beachten Sie: Es gibt keine Heilung über Nacht. Denn die Rituale haben sich über einen langen Zeitraum hinweg entwickelt und verstärkt, und haben immer mehr Lebensbereiche in Anspruch genommen. Und so dauert es seine Zeit, bis Sie Ihr Leben auch wieder von den Ritualen entflochten haben.
Zuerst einmal ist es wichtig, dass Sie einen Arzt, meist einen Psychotherapeuten oder einen Psychiater, finden und ihm von Ihrem Problem erzählen können. Mit dem Erzählen ist zumindest in Bezug auf die Zwangsgedanken schon der erste Bann gebrochen. Denn wenn Sie sich mit Ihrem Problem jemandem anvertraut haben, haben Sie auch einen Mitwisser gefunden, und die Gedanken können nicht mehr so leicht unkontrolliert immer größer werden. Der Therapeut versucht dann, der Ursache der Störung in eingehenden Gesprächen auf den Grund zu gehen. Häufig liegen die Anfänge der Krankheit in verschiedenen Kindheitserlebnissen, die der Patient aufarbeitet. Ein großer und für den Betroffenen sehr belastender Teil der Behandlung ist die Verhaltenstherapie. Dabei wird der Patient unter Aufsicht daran gehindert, sein Ritual auszuführen. Waschzwängler z. B. müssen sich „beschmutzen“, in dem sie Fremden die Hand schütteln, unsaubere Gegenstände anfassen, ohne sich nachher waschen zu dürfen. Ziel ist: Der Kranke soll durch die Konfrontation verinnerlichen, dass ihm nichts Schlimmes passiert, wenn er von seinem Ritual Abstand nimmt.

Unterstützt wird die Therapie, die von den Krankenkassen bezahlt wird, mit Medikamenten, den so genannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (Antidepressiva). Sie regulieren die Nervenbotenstoffe im Gehirn und nehmen den Patienten erst einmal die größten Ängste. Antidepressiva haben allerdings den Nachteil, dass ihre Wirkung erst nach Wochen einsetzt. Hier müssen Sie Geduld haben. Für Notfälle steht noch ein schnellwirksamer Arzneiwirkstoff zur Verfügung, nämlich die Benzodiazepine. Diese sind allerdings nur kurzfristig einsetzbar, denn sie machen abhängig. Für die generalisierte Angststörung ist seit letztem Jahr ein weiterer Wirkstoff vorhanden (Pregalin), der zuerst für Epileptiker und Menschen mit chronischen Schmerzen zugelassen wurde. Er wirkt, indem er die Nervenzellen weniger leicht erregbar macht.

Nach der Therapie sind die Patienten wieder in der Lage, dass sie zumindest ihr Alltagsleben bewältigen können. Zwei Drittel haben ihre Zwänge soweit im Griff, dass sie als geheilt gelten. Meistens hilft ihnen auch der Anschluss an eine Selbsthilfegruppe.

Was Angehörige tun können

Angehörige von Zwangserkrankten fühlen sich oft hilflos oder wütend. Hilflos deshalb, weil alles gute Zureden nach Motto „stell Dich doch nicht so an, es ist doch alles in Ordnung“, nichts fruchtet. Wut entsteht, weil nichts aber auch gar nichts einen Betroffenen davon abbringt, seine Zwangsrituale durchzuführen. Richtig wäre: Besorgen Sie sich ein Buch oder informieren Sie sich im Internet über das genaue Wesen der Zwangserkrankung, unter der das Familienmitglied leidet. Je mehr Sie darüber wissen, desto besser können Sie helfen. Bringen Sie den Betroffenen dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn Sie selbst können ihn nicht heilen. Machen Sie nicht alle Rituale mit, sondern bieten Sie immer wieder an, an gemeinsamen Aktivitäten teilzunehmen. Diese sollten Sie allerdings sensibel planen, und etwa einem Waschzwang-Erkrankten nicht unbedingt einen Familienausflug auf den Bauernhof vorschlagen. Loben Sie den Betroffenen für Fortschritte – und kritisieren Sie ihn nicht für Rückfälle.

Wichtige Adressen

Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.,
Postfach 1545, 49005 Osnabrück,
Tel. 0541 / 357 44-33, Fax: +49-541-35744-35,
E-mail: zwang@t-online.de. Hier gibt es Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen 
 
www.zwangserkrankungen.de, Online-Forum für Betroffene einer Zwangserkrankung und deren Angehörige.

Hans Reinecker: Ratgeber Zwangsstörungen.
Informationen für Betroffene und Angehörige,
Hogrefe-Verlag 2006, EUR 8,95

Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Sigmund-Freud-Str. 25, 53127 Bonn,
Tel.: 0228 / 287-15828, Fax: 0228 / 287-15382,
E-Mail: k.imbierowicz@uni-bonn.de,
Internet: www.ukb.uni-bonn.de/psychosomatik

Autor: Dr. Günther Gerhardt

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