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RATGEBER - Sex & Psyche

Perversionen

Der Ausspruch „Das ist ja pervers!“ wird häufig gebraucht, doch vielen ist es gar nicht bewusst, was er eigentlich bedeutet. Pervers heißt genau übersetzt „verdreht“. Gemeint ist eine Verdrehung der Normalität – eine Abweichung von der Normalität in Bezug auf Sexualität. Aber was ist normal in der Sexualität?

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Den meisten von uns wird hierzu die Missionarsstellung einfallen. Mit pervers hingegen verbindet man in erster Linie den Gummi- und Lederfetischismus. Was aber ist mit den verschiedenen Spielarten der Liebe, die zwischen Gummifetischismus und Missionarsstellung liegen? Ist es schon pervers, wenn das Paar die Stellung verdreht und die Frau oben liegt, oder wenn der Mann von hinten in die Frau eindringt? Ist es erlaubt, dass sich jeder der beiden Partner selbst befriedigt, während die Frau auf dem Rücken liegt und der Mann zwischen ihren gespreizten Beinen kniet? Was ist mit Analverkehr, oraler Befriedigung (mit dem Mund), Homosexualität oder „erlaubten“, also vom Partner gebilligten Seitensprüngen?

Wichtige Anmerkung: Wir reden hier nicht über die kriminellen Handlungen, bei denen ein Beteiligter rechtlos und wehrlos Demütigungen und Schmerzen ausgesetzt wird, wie es beim Missbrauch von Kindern oder einer Vergewaltigung der Fall ist. Auch das Beschneiden von jungen Mädchen, das in einigen Völkern normal ist, wird bei uns, mit unserem kulturellen Hintergrund, wohl zu Recht als unmenschlich bewertet.

Wir behandeln nur das Thema „sexuelle Spielarten, die im Einverständnis mit allen Beteiligten geschehen“.

Unterschiedliche Normalität

Die Vorstellung von Normalität und Anormalität ist von Kultur zu Kultur verschieden. So gilt es im Kulturkreis der Mormonen als normal und richtig, wenn ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet ist.

Auch innerhalb einer Kultur verschiebt sich die Grenze zwischen Normalität und Perversion beständig. Noch im letzten Jahrhundert galten der Mund- und Analverkehr sowie die gleichgeschlechtliche Liebe als Straftat oder als krankhaftes Verhalten. Heute werden diese Praktiken oder Orientierungen entweder als normal angesehen oder nach dem Motto „Erlaubt ist, was gefällt“ auch von denjenigen  akzeptiert, die so etwas nicht nachahmen möchten.

In der Psychoanalyse ist pervers, wenn ein Mensch nur noch durch bestimmte nichtsexuelle Handlungen oder nichtsexuelle Gegenstände erregt wird. Zum Beispiel nur noch durch Schläge, Urinspiele, Lack oder Leder. Beispiel: Ein Mann findet es erregend, wenn er seine Freundin auf der Toilette beobachten und belauschen kann. Dies bezeichnet man als sexuelle Vorliebe. Denn der Mann kann ja auch auf andere Art und Weise stimuliert werden. Wenn er aber nur noch auf diese Weise zu einer Erektion kommt, spricht die Psychoanalyse von einer Perversion.
Auch das ist noch nichts Schlimmes oder Verurteilenswertes, solange es nicht gegen den Willen einer anderen Person geschieht. Eine Perversion birgt aber die Gefahr, dass man auf einer persönlichen liebevollen Ebene keinen befriedigenden Sex mit einem Menschen haben kann, sondern dass man den anderen instrumentalisiert. Es entsteht außerdem für die Betroffenen ein großer Leidensdruck, da sie immer häufiger solche für sie „kitzelnden“ Momente suchen, während aber die Befriedigung, die sie daraus ziehen, rapide abnimmt. Daraus resultieren immer gewagtere Spielarten.

Wie entstehen Perversionen und sexuelle Vorlieben?

Sexuelle Vorlieben und Perversionen werden zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr geprägt. In diesem Alter scheint ein Kind zum ersten Mal bewusst erotische Gefühle wahrzunehmen. Wenn es etwas tief Verletzendes erlebt, wie Schläge von den Eltern, seelische Grausamkeit oder Missbrauch, kann es dazu kommen, dass das verletzte Kind seinen Peiniger oder die verletzende Handlung mit einem erotischen Gefühl belegt, um dadurch innerlich aus der Situation zu flüchten. Helen Singer Kaplan berichtete z. B. von einer Patientin, die in der Kindheit in einem Konzentrationslager war und dort ihre gesamte Familie verlor. Zu ihrem eigenen Entsetzen stellte sie als junge Erwachsene fest, dass sie nur von einer einzigen Vorstellung sexuell erregt werden konnte – indem sie sich ausmalte, mit einem SS-Aufseher zu schlafen. Mit dieser Erkenntnis haderte die Patientin natürlich sehr.
Bei den über 7000 Sexualuntersuchungen, die Helen Singer Kaplan im Laufe der letzten 20 Jahre machte, war jede Person mit sadistischen oder masochistischen sexuellen – also perversen – Phantasien, Begierden oder Verhaltensweisen als Kind einer bedeutsamen Grausamkeit ausgesetzt.

Aber nicht nur die echten Perversionen sondern auch die sexuellen Vorlieben, die laut Psychoanalyse jeder Mensch besitzt, werden in der frühen Kindheit geprägt. Sexuelle Vorlieben könnte man als die harmlosen kleinen Abkömmlinge der echten Perversionen bezeichnen. Denn sie entstehen ebenfalls in der Zeit, in der die Sexualität zum Leben erwacht und der junge Mensch sehr empfänglich für äußere Reize ist. Es kann sich die Art einprägen, wie die Mutter mit dem Kind liebevoll schmust, ebenso das Parfum oder der Stoff, den sie trägt; auch das zufällige Beobachten der älteren Schwester beim abendlichen Entkleiden kann sich als besonderes Erlebnis stark einprägen. Das Kind stellt einen intuitiven Zusammenhang zwischen Gegenständen und Handlungen seiner Umwelt und den aufkommenden sexuellen Gefühlen her. Von der Mutter etc. ist dies nicht beabsichtigt gewesen, als sie mit dem Kind geschmust hat. Die Gefühle entstehen ganz von selbst zufällig in dieser zärtlichen Situation.

Besonders befriedigend ist die Sexualität, wenn man seine sexuellen Vorlieben entdeckt und in das erotische Spiel einbaut. Wie geht das? Eine Ahnung von dem, was man gerne machen würde, hat man meistens von selbst. Nur traut man sich meist nicht so richtig, sich dies auch einzugestehen. Die Vorstellungen können sich auch weiter entwickelt und verselbstständigt haben. Sie müssen nicht mehr exakt dem kindlichen Erlebnis entsprechen.

Hilfreich ist hierbei auch, sich davon lösen, was andere zu den sexuellen Vorlieben sagen würden. So viele Menschen es gibt, so viele Varianten der Liebespraktiken gibt es auch – der Spielraum ist groß. So haben manche Frauen „schmutzige“ Vorstellungen, sie stellen sich vor, dass Sperma auf sie herabregnet, vielleicht sogar von mehreren Männern. Manche Männer fühlen dann einen besonders erfüllten Orgasmus, wenn sie mit ihrer Partnerin ein „dirty talking“ machen und sie etwa als Nutte beschimpfen dürfen. Selbst Exkremente können eine Rolle spielen. In der Liebe ist Vieles Geschmackssache: Wichtig ist nur, vom Partner nichts zu verlangen, was diesen überfordert. Es hilft beiden, wenn sich die Partner bewusst machen, dass jeder Mensch durch seine Kindheit geprägt wurde und er diese individuellen Wünsche seither tief in sich trägt. Es muss ja auch nicht alles immer in der Realität ausgeführt werden: Auch in der Phantasie kann es heiß hergehen.


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