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Nahrungsergänzung lindert Haareausreißen

Menschen, die einen Zwang entwickelt haben, sich selbst Haare am Kopf oder Körper auszureißen, könnten von der Einnahme eines weit verbreiteten Oxidationshemmers und Nahrungsergänzungsmittel profitieren. Das berichten Psychiater der University of Minnesota im Fachmedium Archives of General Psychiatry.

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Die Forscher untersuchten 50 Patienten mit dem Krankheitsbild Trichotillomanie, was der griechische Ausdruck für die Haarausreiß-Störung ist. Die Versuchspersonen bekamen in einer Doppelblind-Studie drei Monate lang den Schleimlöser Acetylcystein in leicht ansteigender Dosis verabreicht, was bei 56 Prozent zu wesentlichen Verbesserungen der Situation führte, während es bei der Placebo-Gruppe nur 16 Prozent waren. Das zeigte erstmals, dass nicht nur die Beeinflussung des Botenstoffs Serotonin im Gehirn, sondern auch der Glutamatspiegel bei der Krankheit eine wichtige Rolle spielt. Die Senkung dieser Spannung erzeugende Chemikalie schien den Betroffenen zumindest verübergehende Erholung von ihrem Zwang zu geben.

Wie weit zwanghaftes Haareausreißen verbreitet ist, verdeutlicht der Psychotherapeut Nico Niedermeier. "Epidemiologische Studien zeigen, dass bis zu 1,6 Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen von der Krankheit betroffen sind", so der Münchner Mediziner. Öffentlich werde die Trichotillomanie kaum wahrgenommen, da sie mit besonders großem Schamgefühl verbunden ist. "Es geht nicht bloß um ein paar Haare, wie man aus der Außenwahrnehmung meinen könnte. Haare haben in unserer Gesellschaft viel mit einer narzisstischen Wertvorstellung zu tun, und ihr Verlust irritiert das Selbstbild auf extreme Weise. Dass man sich das Ausreißen selbst antut, steigert die Scham noch zusätzlich." Betroffene würden entstehende Kahlstellen am Kopf häufig durch Perücken oder Überkämmen verstecken oder ihr Leiden sogar dem Partner gegenüber verschweigen.

Die genauen Ursachen des psychischen Leidens sind noch ungeklärt. Bisherige Hypothesen gehen von einer Mitwirkung von Umweltfaktoren wie Erlebnisse der Kindheit, Erziehung oder spätere Erfahrungen aus, in manchen Fällen scheint auch eine genetische Veranlagung möglich. Symptome wie hohe Belastung, Depressionen, Angstzustände oder andere Zwangserkrankungen begleiten die Trichotillomanie in vielen Fällen. Den Betroffenen dient das Haarezupfen vor allem zum Abbau von Stress und Spannungen. "Das Reißen lenkt für einen kurzen Moment die Aufmerksamkeit ab und ermöglicht Entspannung, ähnlich wie für andere Personen eine Zigarette oder Sport", erklärt Niedermeier. Der Beginn der oft chronisch auftretenden Krankheit liege in vielen Fällen schon im Alter von zwölf Jahren. "Viele Mädchen wickeln etwa ständig und unbewusst ihre Haare um die Finger und reißen sie dabei auch aus."

Wer zwanghafte Symptome des Haareausreißens an sich entdeckt, sollte so bald als möglich fachliche Hilfe aufsuchen, denn der Übergang von normalem zu krankhaftem Zupfen ist fließend. "Je länger sich das Haareausreißen hinzieht, desto mehr wird die Handbewegung dabei automatisiert." Niedermeier empfiehlt Betroffenen, sich im ersten Schritt an Selbsthilfeorganisationen im Internet zu wenden, da Hausärzte und auch Krankenhäuser oft wenig über das Leiden Bescheid wüssten. "Erst seit etwa zehn Jahren wird Trichotillomanie im deutschsprachigen Raum als Krankheit wahrgenommen", so der Verhaltenspsychologe. Die besten Ergebnisse in der Behandlung habe bisher die kognitive Verhaltenstherapie gezeigt. Betroffene lernen dabei unter anderem, Gegenbewegungen auszuführen und die Hände unter Kontrolle zu halten. Eine medikamentöse Behandlung - wie etwa die von den kanadischen Forschern untersuchte - sei nur in Kombination dazu sinnvoll.

Autor: Johannes Pernsteiner; pressetext.de; Stand: 07.07.2009

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