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RATGEBER - Schmerzen

Warum Schmerzen chronisch werden

Schätzungen zufolge leiden in Deutschland fünf bis sieben Millionen Menschen an chronischen Schmerzzuständen.

650 000 davon werden als problematische, schwer behandelbare Fälle eingestuft, zumeist dann, wenn die Betroffenen unter Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Gesichts- und Kopfschmerzen leiden.

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Doch wie ist es zu erklären, dass manche Patienten ihre Schmerzen relativ schnell wieder loswerden, während andere eine wahre „Schmerzkarriere“ durchmachen? Die Gründe dafür sind vielfältig und bis heute nur ansatzweise erforscht.

Die Bedeutung des Schmerzes zur „Entlastung“ von psychischen Konflikten wurde bereits oben erwähnt. Nach dieser Auffassung erfüllt der Schmerz für den Betroffenen also gewissermaßen einen „inneren Sinn“.

Zusätzlich existieren eine Reihe weiterer komplexer Mechanismen, die zur Aufrechterhaltung des Schmerzgeschehens beitragen können. Mehr dazu auf den folgenden Seiten.

Schmerzverhalten kann man lernen

Der eine stöhnt und jammert, der andere legt sich lieber ins Bett, ein dritter lässt sich gar nichts anmerken: Jeder Mensch verhält sich anders, wenn er Schmerzen hat.

Man spricht auch vom „Schmerzverhalten“ - gemeint ist damit die Art und Weise, wie mit den Schmerzen umgegangen wird, ob die betroffene Person also darüber redet, ob sie stöhnt oder seufzt, Schonhaltungen einnimmt, sich besonders häufig hinlegt, sich insgesamt wenig bewegt oder aber eher aktiv ist, oder ob und wie viele Medikamente der Betroffene einnimmt.

Dieses Verhalten unterliegt Lernprozessen: Partner und Angehörige schenken dem Kranken wegen der Schmerzen ein hohes Maß an Zuwendung und Aufmerksamkeit, lästige Arbeiten und Verantwortung werden ihm abgenommen, manchmal entstehen durch Renten oder Entschädigungsgelder sogar finanzielle Vorteile.

Der Schmerzkranke macht also die Erfahrung, dass sich sein Schmerzverhalten auszahlt. Mehr oder weniger bewusst wird er es unter solchen Umständen aufrechterhalten.

Eine übertriebene Schonung und das Schwelgen der Umgebung in Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit ist also unter Umständen nicht nur positiv für den Patienten. Denn wenn dieses Verhalten in übertriebener Weise zelebriert wird, führt das letztendlich zum Erhalt und sogar zur Verstärkung der Schmerzen.

Denn die ständige Rücksichtnahme bringt ein ständiges Erinnern an den Schmerz mit sich und verstärkt dadurch die Wahrnehmung des Schmerzes. Eine Ablenkung hingegen wäre ähnlich wie ein Gegenreiz und würde schmerzlindernd wirken.

Auch auf einer rein körperlichen Ebene ist es bei einem chronischen Schmerz oft sinnvoll, dem Bedürfnis nach Passivität nicht immer nachzugeben.

Wird es nämlich zur Gewohnheit, dass Sie sich schonen, sich nicht so viel bewegen und Schmerztabletten einnehmen, schleichen sich Fehlhaltungen ein. Zudem sind der Mangel an Bewegung und ein zu hoher Medikamentenkonsum grundsätzlich nicht gesundheitsfördernd!

Hilfreich können spezielle Übungen für Patienten mit chronischen Schmerzen sein, die am besten unter Anleitung zum Beispiel eines Krankengymnasten erlernt werden. Aber auch Rad fahren, Schwimmen oder Spazierengehen sind für Schmerzpatienten geeignet. Entscheiden Sie selbst, was gut für Sie ist.

Nehmen Sie aber vorab Rücksprache mit Ihrem Arzt. Denn natürlich gibt es auch Krankheiten mit länger andauernden Schmerzen, bei denen Schonung angesagt ist.

Die gute Nachricht: Schmerzverhalten kann man nicht nur lernen, sondern auch wieder verlernen. Hierfür gibt es zahlreiche Verfahren, die man sich im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung aneignen kann.

Die Dynamik zwischen Arzt und Patient

Das Hauptproblem ist, dass nicht nur die meisten Patienten, sondern auch der Großteil der Ärzte noch immer an der alten Vorstellung festhalten, es könne keine Schmerzen geben, wenn keine körperliche Schädigung vorliegt.
Also wird nach der organischen Ursache gesucht, die es oft nicht gibt, und es werden Untersuchungen und Operationen durchgeführt, die nichts bringen.

Die Folge: Der Arzt stempelt den Patienten als Querulanten ab, der Patient wirft dem Arzt wiederum schlechte Arbeit vor.

Beides stimmt nicht und hätte vermieden werden können, wenn rechtzeitig auch psychische Ursachen für die Erkrankung in Erwägung gezogen worden wären.

Schmerz und Depression

Relativ viele Menschen mit chronischen Schmerzen leiden zusätzlich unter Depressionen - und viele depressive Patienten klagen über Schmerzen.

Man konnte feststellen, dass depressive Schmerzpatienten eine niedrigere Schmerzschwelle haben und dementsprechend ein stärkeres Schmerzempfinden aufweisen als Schmerzpatienten, die keine Depression haben. Die Chronifizierung der Schmerzen wird durch eine depressive Störung verstärkt.

Wie der genaue Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen ist, wird kontrovers diskutiert. Einige Autoren verstehen den chronischen Schmerz als eine körperliche Form der Depression - sie sprechen auch von einer larvierten Depression.

Andere behaupten, der Schmerz sei nicht Folge, sondern die Ursache von Depressionen. Wieder andere sind der Meinung, dass sich beide Störungen unabhängig voneinander entwickeln.

Es wird deutlich, dass es nicht nur einen Zusammenhang, sondern mehrere Beziehungen zwischen Schmerzen und Depression gibt und dass es weiterer Untersuchungen bedarf, um dieses komplexe Wechselspiel zu durchschauen.

Die eigene Einstellung zum Schmerz

Es gibt, grob unterteilt, drei Grundhaltungen, mit denen Patienten zu ihrem Schicksal einer Schmerzerkrankung stehen.

Die eine Gruppe von Patienten glaubt, dass sie selbst viel Kraft besitzt und viel tun kann, um die Krankheit in den Griff zu bekommen. Die zweite Gruppe ist davon überzeugt, dass vor allem Ärzte, der Partner oder andere wichtige Bezugspersonen ihnen helfen können, die Schmerzen zu besiegen.

Eine dritte Gruppe begründet alles mit dem Zufall: Nichts und niemand hat Einfluss auf ihr Krankheitsgeschehen. Sie fühlen sich den Schmerzen schicksalhaft ausgeliefert.

Für die Prognose einer chronischen Schmerzkrankheit erweist es sich als günstig, wenn der Patient zur ersten Gruppe gehört, wenn er also das Gefühl hat, er selbst könne viel zu seiner Genesung beitragen. Sehr ungünstig ist es dagegen, in allem erst einmal das Negative zu sehen.

Dieses „Katastrophisieren“ wirkt sich nur negativ auf die Gesamtsituation aus: Man wird ängstlicher und depressiv. Das erhöht die Schmerzempfindlichkeit.

Der gesteigerte Schmerz wird dann wiederum zum „Beweis“ dafür, dass tatsächlich alles so schlimm ist wie vermutet. So schließt sich der Teufelskreis.


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