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RATGEBER - Sex & Psyche

Homosexualität

  • Die Einstellung in unserer Gesellschaft gegenüber der gleichgeschlechtlichen Liebe ist mit vielen Tabus behaftet. Dies führt dazu, dass sich schnell Unsicherheiten und auch Vorurteile einschleichen: So haben zum Beispiel viele Menschen Angst, dass Homosexualität „abfärbe“, dass der Umgang mit Schwulen oder Lesben zumindest die Bereitschaft fördern könnte, sich sexuell auch am eigenen Geschlecht zu orientieren. Das ist aber unmöglich. Heute gilt es als erwiesen, dass die sexuelle Orientierung genetisch veranlagt ist. Das heißt im Klartext: Man kann es sich nicht aussuchen, ob man schwul, lesbisch oder heterosexuell veranlagt ist. Man kann sich allenfalls entscheiden, ob man zu seiner Homosexualität stehen will oder nicht. Aber im Kopf wird man sich von den Gedanken nicht befreien können.
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Ein früheres Ziel der Psychotherapie war, Homosexualität zu korrigieren. Homosexualität wurde als sexuelle Abweichung oder Perversion definiert, die in „normales“ Verhalten überführt werden sollte. „Am Ende dieser Umkodierungsversuche standen oftmals zerstörte und gebrochene Menschen“, so der Münchener Psychotherapeut Günter Reisbeck.

Heute haben Psychotherapeuten einen anderen Ansatz. Wenn heute jemand mit seinem Selbstbild hadert und Hilfe sucht, unterstützt ihn der Therapeut auf dem Weg, die eigene Identität zu finden, dass heißt zu erkennen, ob er wirklich homosexuell veranlagt ist und welche Schwierigkeiten das für ihn mit sich bringt. Diesen Prozess, der als „Coming-out“ bezeichnet wird, muss jeder Homosexuelle durchlaufen, und nur selten braucht jemand dazu eine Therapie. Ein solches Coming-out verläuft typischerweise in vier Stufen.

  • In der ersten Stufe wird einem Homosexuellen bewusst, dass irgendetwas anders ist. Aber den Gedanken, schwul oder lesbisch zu sein, weist er weit von sich weg.
  • In der zweiten Stufe beginnt er zu akzeptieren, dass Interesse am gleichen Geschlecht da ist. Er macht die ersten sexuellen Erfahrungen. Trotzdem ist er noch stark von der Meinung der Allgemeinheit geprägt, dass etwas mit ihm nicht stimme. Nach außen hin vertuscht er alle Anzeichen von Homosexualität. In diesem Zustand der inneren Zerrissenheit ist es sogar möglich, dass er sich für seine sexuellen Tendenzen hasst.
  • In der dritten Stufe beginnt ein Homosexueller im Kreise Gleichgesinnter Fuß zu fassen. Er entdeckt, dass es eine richtige „Subkultur“ gibt, mit speziellen Kneipen, Geschäften, Dienstleistern, die nur auf Homosexuelle ausgerichtet sind. Er entdeckt die geheimen Merkmale und Zeichen, mit denen man sich untereinander zu erkennen gibt. Ein Mann entdeckt, dass es auch innerhalb der Homosexualität sehr große Unterschiede gibt, die vom kernigen Lederboy über die „Tunte“ in Frauenkleidern bis hin zu ganz unauffälligen konservativen Ausrichtungen reichen. Eine Frau lernt ebenfalls die verschiedenen Spielarten der Liebe kennen – von den femininen Supertussis bis hin zu dominanten Lederlesben. Und dazwischen ist auch alles möglich. In dieser Stufe hält ein Homosexueller aber immer noch die eigene Homosexualität nach außen hin geheim.
  • In der vierten Stufe hat er den Durchbruch ganz geschafft. Nun hat er die eigenen Vorbehalte, Vorurteile und Ängste überwunden und steht auch in der Öffentlichkeit zu seiner Veranlagung. Dies kann sich beispielsweise darin äußern, dass er mit seinem Partner zu einer „Eingetragenen Lebensgemeinschaft“ zusammenfindet oder sich sogar trauen lässt.
  • Das wichtigste Problem, mit dem sich Schwule und Lesben auf jeder Stufe des Coming-outs auseinandersetzen müssen, ist das negative Gefühl gegenüber der eigenen Homosexualität. Denn von der Erziehung her schämt man sich für seine Neigung und fühlt sich sogar schuldig. Von Arbeitskollegen oder von den Familienmitgliedern muss man sich vielleicht auch Witze oder abfällige Bemerkungen über Schwule oder Lesben anhören. Doch trotzdem hat man genau diese Veranlagung in sich, die öffentlich so schlecht angesehen ist. Das kann schon stark am Selbstbewusstsein kratzen.


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