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RATGEBER - Sex & Psyche

Sexsucht

Sexsucht ist eine Abhängigkeit, die man mit Alkoholismus oder der Brech-Ess-Sucht (Bulimie) vergleichen kann. Schätzungsweise fünf bis sechs Prozent aller Menschen in den westlichen Ländern leiden darunter. Das Verhältnis von sexsüchtigen Männern zu sexsüchtigen Frauen beträgt vier zu eins. Weil die „Droge“ kein Stoff ist, sondern aus Vorstellungen, Phantasien und sexuellen Aktionen besteht, bezeichnet man die Sexsucht als „nichtstoffliche Sucht“.
Es gibt Sexsüchtige, die ihr Verhalten damit erklären, dass sie eine innere Leere u. a. mit möglichst häufigen sexuellen Kontakten schließen müssen. Ihre Sexualpartner sind Fremde, die namenlos bleiben, das „Aufreißen“ geschieht u. U. mehrmals täglich. Ein Teil der Sexsüchtigen wählt zudem lebensgefährliche Praktiken (Strangulieren etc.). Andere Sexsüchtige bezeichnen sich eher als liebes- und romanzensüchtig. Sie malen sich romanzenhafte Phantasien von Idealpartnern aus und befriedigen sich lieber selbst, als es auf eine reale Beziehung ankommen zu lassen.

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Aber egal, ob Sexsüchtige den Sex aktiv und exzessiv ausleben, ob sie von Romanzen träumen, ob sie mit Gleichgesinnten „ficken“ oder Sex sogar mit Gewalt einfordern – eine sexuelle Spielart ist Sexsüchtigen fremd:

Ihre Kontakte sind nie lustvoll, befriedigend und erfüllend, sondern immer zwanghaft, selbstzerstörerisch und unter Umständen rücksichtslos. –Wie bei jeder Sucht findet auch hier eine Eskalation statt. Die sexuellen Handlungen häufen sich immer mehr, weil die augenblicklichen Aktivitäten nicht ausreichen. Die Techniken werden immer gefährlicher. Es gibt Betroffene, die lassen sich z. B. bis kurz vor den Erstickungstod strangulieren. Wider bessere Einsicht nehmen Sexsüchtige eventuell auch schwerwiegende Folgen ihres Tuns in Kauf. An Aids und Geschlechtskrankheiten denken sie in dem Moment nicht. Sie vernachlässigen wichtige soziale und berufliche Aktivitäten, um ihrer Sucht nachzugehen und geben auch bereitwillig übermäßig viel Geld dafür aus. Sie verbringen viel Zeit damit, sich Sex zu verschaffen oder sich von sexuellen Aktivitäten zu erholen. Alles rund um den Sex wird lebensausfüllend. Dabei verausgaben sie sich.

„Sexsüchtige sind wie ein hell erleuchtetes Haus, in dem niemand zu Hause ist“, so lautet ein geflügeltes Wort im Jargon der Sexsüchtigen. Sie versuchen, die innere Leere durch sexuelle Kontakte oder Phantasien zu füllen. „Mich und meinen Körper spüre ich nur noch übers Ficken“, so eine Betroffene. Viele von ihnen fühlen sich unzulänglich, minderwertig, einsam und ängstlich. Ihr Inneres entspricht nie dem, was die anderen von außen sehen.

Die Wurzeln der Sucht reichen meist in die Kindheit zurück. Missbrauch und eine stark sexuell aufgeladene Atmosphäre in der Familie, aber auch das Tabuisieren von Sinnlichkeit und Sexualität sind die häufigsten Ursachen von Sexsucht. Kinder aus solchen Familien lernen entweder, dass es Liebe und Nähe nur in Kombination mit Sexualität gibt. Oder sie lernen, dass Sex schmutzig und schlecht ist und es ihn eigentlich gar nicht geben darf, wodurch die Begierde natürlich umso stärker werden kann, aber den Charakter des Verbotenen und Heimlichen bekommt.

Therapeutische Hilfen

Ärzten ist das Phänomen Sexsucht oft nicht vertraut, für sie lassen es die Betroffenen halt mal „richtig krachen“. Neben manchen Suchttherapeuten und Suchtkliniken stellen Selbsthilfegruppen momentan oft die einzige Möglichkeit einer Therapie dar. Diese arbeiten nach dem Prinzip der Anonymen Alkoholiker. Alle Selbsthilfegruppen finden Sie übrigens bei NAKOS (www.nakos.de).

In der Selbsthilfegruppe „Sex and Love Addicts Anonymus“ (S.L.A.A., Anonyme Sex- und Liebessüchtige) finden sich Menschen, die ein stark gestörtes Verhältnis zur Sexualität haben, die sich aber vor allem auch in emotionale Abhängigkeit von ihren Partnern begeben – tendenziell mehr Frauen als Männer.
In der Selbsthilfegruppe „Anonyme Sexaholiker“ (A.S.) treffen sich diejenigen, die Sex mit häufig wechselnden Partnern praktizieren, die zu lebensbedrohlichen Praktiken übergehen, häufigen Sex mit Prostituierten haben oder ein Vermögen in Sexshops tragen. Hier sind tendenziell mehr Männer als Frauen.
Bei S-Anon sind Angehörige und Co-Abhängige organisiert, die unter der Sexsucht ihres Partners leiden. Ein Drittel der Partner von Sexsüchtigen verhält sich gegen ihr Bedürfnis hypersexuell, um den Partner zu halten. Hier wird natürlich auch die Frage gestellt, aus welcher Motivation heraus Angehörige das Spiel mitmachen.

Eine wichtige Grundlage aller dieser Gruppen ist die Anonymität. Man kennt sich nur per Vornamen und gibt auch nicht die Adresse oder Arbeitsstelle preis. Die Therapie beginnt mit dem Eingeständnis, dass die Sucht stärker ist als man selbst. Damit kann man aufhören, gegen die Sucht zu kämpfen und beginnt, auf eine höhere Macht zu vertrauen. Die „höhere Macht“ kann Gott, aber auch der Selbsterhaltungstrieb sein. Es gibt kein religiöses Dogma. Der Schritt, mit dem es weitergeht: Man lässt einfach „heute den ersten Mann (oder die erste Frau) stehen“.

Suchttherapeuten arbeiten nach einem ähnlichen Prinzip. Der erste Schritt ist auch hier, die Situation zu akzeptieren und die Augen auch vor den düsteren Seiten der Sucht nicht zu verschließen. Natürlich gibt es auch helle Seiten der Sucht; das sind diese kurzen Momente, die einem ein Gefühl von Selbstwert und Geborgenheit erleben lassen (oder vorgaukeln). Nach diesen Momenten ist man ja süchtig. Therapeuten zeigen, dass die Schattenseiten überwiegen.


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